Meine Oma liegt unterm Christbaum.


Vielleicht weißt du noch von meiner Postkarte aus der Unterwelt, dass ich derzeit in zwei parallelen Welten lebe: Ein Teil von mir funktioniert in der „normalen“ Welt und ein anderer Teil besucht die dunkle Schwester in der Unterwelt. Und es gibt Augenblicke, da nehme ich dies nicht als Trennung wahr, sondern erlebe einen süßen unaufgeregten Frieden in mir.

Solche Augenblicke hat’s gegeben, als ich vor ein paar Tagen meine bald 95jährige Oma besucht habe. Bei ihr war der Christbaum schon aufgeputzt (bei uns ist das für den 24. vorbehalten!) und wir sind davor gesessen, ganz friedlich, ganz ohne Bedürfnisse, wir haben nicht einmal einen Tee bei uns gehabt. Nur meine Oma, der Christbaum und ich. Da hat sie mir erzählt, dass sich nun ein Kindheitstraum erfüllt: Ihr Bett steht direkt an dem Tischchen, auf dem der Christbaum steht. Anders ausgedrückt: Meine Oma liegt unterm Christbaum. Jedes Mal, wenn sie sich zum Schlafen hinlegt, legt sie sich quasi unter den Christbaum. 🙂 🙂 🙂 Mich hat das so sehr berührt. Die Vorstellung, dass sich diese fast 95jährige Frau, die mir so ans Herz gewachsen ist, sich täglich voll Freude unter den Christbaum legt.

Omas_ChristbaumDas Gespräch ist dann weiter geplätschert. Wir haben nichts Weltbewegendes gesprochen – Anekdoten aus Omas Leben, Krieg und Frieden, ich hab ihr von meinen Kindern berichtet… Und plötzlich war da ein weiterer Moment, der mir ganz klar und deutlich in Erinnerung geblieben ist: Meine Oma hat in ihrem Leben nichts „Großes“ geschaffen, was einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden wäre. Wahrscheinlich ist ihr Name nie in der Zeitung gestanden. Und doch hat sie so ein großes volles Leben gelebt: Widerstand gegen das Nazi-Regime, Flucht aus Österreich, dann Vertreibung aus der damaligen Tschechoslowakei. Mit einem Leiterwagerl ist sie mit Mann und Kind nach Österreich zurück gekommen. Von null auf hat sie mit ihrer Familie, die bald noch durch ein zweites Kind vervollständigt wurde, durch die Nachkriegszeit gebracht, lange Nächte durchgearbeitet, um Hemden auszubessern, Kleidchen zu nähen, Mäntel zu flicken… Bei alle dem hat sie sich einen ungeheuren Optimismus bewahrt. Ich habe sie ganz ganz selten ein böses Wort über einen Mitmenschen sprechen gehört.

Ja, meine Oma hat nichts „Großes“ erschaffen, von dem die breite Öffentlichkeit erfahren hätte. Mit großer Wahrscheinlich wird das in ihrem Leben auch nicht mehr stattfinden. Und das hat für mich das Thema der Würdigung aufgeworfen: „Des is jo nix (Besonderes).“ Ein oft gehörter Satz, ein abwertender Satz, ein kränkender Satz. Ist nur das „etwas“, was in der Zeitung steht, seine Runden auf Facebook dreht, im Fernsehen dokumentiert wird, etc.? Wäre es nicht viel wichtiger, all die Handgriffe und Gesten zu würdigen, die das menschliche Zusammenleben wärmer, liebevoller, friedlicher machen? Wir schauen gebannt auf Wirtschaft, Politik, Showbusiness, vielleicht noch Wissenschaft, wer dort was bewirkt. Und übersehen dabei das zwischenmenschliche Leben. Den Alltag, in dem es ein Du und ein Ich und ein Wir gibt. In dem wir jeden Tag aufs Neue uns für Zusammenhelfen entscheiden können, für Gemeinschaft, für Frieden, Meine liebe Tochter Veronika hat das in kindlicher Unschuld in ihrem Märchen von den 5 Kerzen beschrieben.

In vorchristlicher Zeit wurde rund um die Wintersonnenwende die „Nacht der Mütter“ gefeiert. Im Christentum hat sich der Fokus dann von der Mutter zum Neugeborenen verschoben. Doch vergessen wir die Mütter nicht! Und so hab ich heute meine Oma in den Mittelpunkt gestellt. Von meiner Mama schreibe ich ein anderes Mal. Und meine Tochter hat das heurige weripower Weihnachtsgeschenk gestaltet. So ehre ich dieser Tage ganz besonders meine weiblichen Ahninnen und würdige all die Handgriffe und Gesten, die sie getan haben, die nie in den großen Medien ge-feature-t wurden, die aber das menschliche Zusammenleben ermöglicht haben. Ja, ich bin dankbar.

Von Herzen wünsche ich mir, dass wir alle immer mehr die kleinen Dinge des Alltages würdigen. Die Momente, in denen es nichts braucht als das Zusammensein. Dieses Gefühl, dass das Leben gut ist, so wie es ist. Den Frieden im Herzen, wenn wir uns von allem „Müssen“ verabschieden. Die Liebe im Herzen, wenn wir voll Mitgefühl hinter die Fassade des Mitmenschen ahnen und dort dieses wunderschöne unschuldige Wesen erkennen. Die Umarmung eines lieben Menschen. Jede Geste des Trostes, der Unterstützung, des Mitgefühls. Ich wünsche uns allen, dass wir beginnen, all dies zu würdigen. Dann ist Weihnachten!

Anmerkung vom 27. April 2016:
Meine Oma ist doch noch in die Zeitung gekommen!
Wie das gegangen ist, kannst du hier nachlesen: Meine Oma ist in der Zeitung!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

3 Gedanken zu “Meine Oma liegt unterm Christbaum.

  • Klaus Sailer

    in liebevoller Würde erkannt und geschrieben. Ja, das, was die Oma’s und die Mütter für ihre Töchter, für ihre Familien leisten ist das „Grosse“. Es wird nicht erkannt, daß es, über ein langes Leben, über alle Jahre betrachtet, ein sehr grosses Werk ist. Es ist die aufopfernde Liebe für andere Menschen, für seine Lieben für die Gemeinschaft. Sie die Mütter, die Oma’s, alle Frauen und auch Männer und Söhne, die „Familie“ und Gemeinschaft leben und führen, tragen dazu bei. Sie sind da, sie leben mit uns. Ein Dank an ihr „is jo nix“. Danke Uli Feichtinger.

    • Uli Feichtinger Autor des Beitrags

      Danke für die Würdigung für das Menschliche, die ich in deinen Zeilen wahrnehme, lieber Klaus! Frohe Weihnachten!