Maria Magdalena’s Memoiren: Karfreitag


Trotz all der starken menschlichen Gefühle bemühte ich mich, meine Turmpräsenz aufrecht zu erhalten. In ihr stand ich dann in der Menge, durch die mein geliebter Gefährte sein Kreuz nach Golgota schleppen musste. Auf der menschlichen Ebene war er ein geschundener und gefolterter Mann – was mein Herz fast zum Bersten gebracht hätte. Auf unserer nicht-menschlichen Verbindungsebene fanden unsere Herzen in dem Moment zusammen, als er meine Turmpräsenz in der Menge wahrnehmen konnte. Ich wusste, er würde zu mir kommen, um sich zu verabschieden. Als unsere Augen und unsere Blicke sich trafen, richteten sich unsere beiden Wesen aus: Die menschliche Ebene ging zu Ende, doch die Verbindung auf der nicht-menschlichen Ebene wurde klar, innig, tief. Da spürte ich in der Mitte meines Kopfes eine stark pulsierende, sich drehende Lichtquelle, die in alle Richtungen funkelte und strahlte. Da wusste ich.

Nachdem wir unsere menschliche Verbindung beendet hatten und die nicht-menschliche Verbindung besiegelt war, wandte er sich um und ging seines Weges. Ich machte mich ebenfalls auf den Weg zum Kreuzigungsplatz, um ihm mit meiner Turmpräsenz den Raum zu halten – da begegnete ich Maria, meiner Schwiegermutter, und Josef von Arimathäa. Ich ließ die beiden in meinen Turm eintreten. So konnte ich ihnen trotz der Menschenmassen in Ruhe vermitteln, was ich erkannt hatte: Ich berichtete von der Begegnung, von der Abmachung auf der nicht-menschlichen Ebene und von meinem Plan, der Kreuzigung beizuwohnen. Ich spürte ihre Angst aufflackern, dass mir – wie vom Gesetz vorgesehen – ebenfalls die Kreuzigung drohte, wenn ich bei seiner anwesend wäre. Doch ich berührte ihre Stirn mit meiner Stirn und gab ihnen die Lichtquelle weiter.

So gefestigt beschlossen sie, mit mir zu gehen. In all unserer Klarheit und Größe standen wir dort bei ihm, meinem geliebten Gefährten, als er seinen letzten menschlichen Atemzug tat. Und wir sahen, dass es gut war.

Text: Uli Feichtinger, 2018; Ausschnitt aus dem eBook “Maria Magdalena – Ahnin der Cuandera” zum gleichnamigen eSeminar
Bild: Veronika Feichtinger, Bildnis der heiligen Veronika unter dem Kreuz, 2018

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